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2012

Einzug der Rinder in die neue, moderne Halle

 

2008

Ein modernes Aiderbichler Märchen

Die folgende Geschichte ist wahr und hat sich an Ostern 2008 zugetragen. Am Karfreitag stand ein Landwirt aus dem Mostviertel vor mir und bat um Hilfe. Wir setzten uns an den großen Tisch im ersten Stock und gebannt hörte ich ihm zu, als er mir von seinem Leben und seiner Notlage erzählte:

Das Leben des alleinstehenden Milchbauern Leopold aus Niederösterreich war von Kindesbeinen an geprägt von einem sich immer wiederholenden Muster. Sein Hof liegt an einem Berg, in Alleinlage an der Pforte des Dirndltals. Die Arbeiten, die man als Landwirt erledigen muss, werden von den Jahreszeiten und den Tieren bestimmt. Es gibt keinen freien Tag, selbst den Sonntag kann man nicht als solchen bezeichnen, denn die Tiere des Hofes müssen jeden Tag versorgt werden. Leopold blieb unverheiratet, und so stand ihm nach dem Tod seines Vaters nur seine Mutter zur Seite. Als diese verstarb, hatte er niemanden mehr. Von der Milchhaltung wechselte er zur Mutterkuhhaltung und veränderte sein Verhältnis zu seinen Rindern. Bedingt durch den dauerhaften Freilauf der Tiere entdeckte ihre Individualität. Gemeinsam erlebten sie kalte Winter, die Naturgewalten des Herbstes und das Erwachen des Frühjahrs. Im Sommer, wenn die Kühe genussvoll dösend auf den Weiden wiederkäuten, setzte er sich zu ihnen. Aber ein Bauer lebt nun mal von seinen Tieren und es war manchmal unumgänglich, die Tiere zu verkaufen. Und weil ihm diese Momente immer schwerer fielen, verließen immer weniger Rinder den Hof und am Ende überhaupt keine mehr.

In der heutigen Zeit jedoch unterliegt die Rinderhaltung der genauesten Beobachtung der Behörden und ist mit Verwaltungsarbeiten verbunden. Wer Rinder in der EU hält, braucht eine genaue Registrierung, Ohrmarken und den Nachweis ihrer Herkunft.

Zwischenzeitlich vermehrten sich die Rinder des Bauern Leopold unkontrolliert. Immer mehr verschwand der Überblick.

Ein dramatisches Ende stand bevor Die Erhaltung des Wohnhauses und der damit verbundene Zeit- und Kostenaufwand, entglitt dem Bauern. Außerdem traf Leopold Entscheidungen, die mancher, auch ich, aber nicht jeder Mensch nachvollziehen kann. Zum Beispiel, wenn in eiskalten Winternächten der Wind um das Haus pfiff und Leopold am Kachelofen saß, musste er an die Kälbchen draußen denken. Er konnte nicht anders, öffnete die Tür seines Wohnhauses und ließ die frierenden Kälber in sein Vorhaus.

Leopold glaubt verbissen daran, dass fleißige Arbeit und sich nichts zu Schulden kommen lassen ein gangbarer Weg ist, Unheil abzuwenden.

Doch die Realität ist nun mal anders, die Situation spitzte sich zu und ein dramatisches Ende stand ihm und seinen Tieren bevor.

Für Leopold gab es keine Hoffnung mehr. So machte er sich am Karfreitag, als sich die Situation unlösbar war, auf den Weg zu mir nach Gut Aiderbichl in Henndorf. Die weiteste Reise, die er je in seinem Leben unternahm (2 Stunden Fahrt). Zufällig war ich selbst anwesend und er bat um ein Gespräch.

Leopold, der auch seine Post stark vernachlässigt hatte, übergab mir einen großen Stapel Unterlagen. Ihnen entnahm ich, dass einerseits für ihn eine Verwalterschaft anstand, andererseits die Beschlagnahmung seiner Rinder und deren Tötung. Einspruchsfristen waren bereits verstrichen und es blieben nur noch wenige Tage. Gut Aiderbichl kann nicht helfen. Beim Hinausgehen erwähnte Leopold, wenn seine Tiere abgeholt würden, bliebe ihm nichts anderes übrig, als sich das Leben zu nehmen.

Ich wollte in der folgenden Nacht keinen Schlaf finden. Immer wieder ging mir Leopold und seine Notlage durch den Kopf. Und, dass es überhaupt nicht zu meinen Eigenheiten gehört, ein Nein zu akzeptieren. Um drei Uhr morgens war ich hellwach, setzte mich ins Büro, dachte nach und arbeitete Konzepte aus, die ich immer wieder verwarf.

Frühmorgens kontaktierte ich die Gründerin des Vereins „Sirius“ aus Melk. Sie setzt sich mit ihrem Verein für Mensch-Tier-Beziehungen ein. Ich hatte erfahren, dass sie eine der wenigen Menschen ist, denen sich Leopold anvertraut hatte. Sie gab mir wichtige Kontakte in der Region. Und so konnte ich mich tags darauf auf dem Hof mit dem Amtstierarzt, dem Bürgermeister und Vertretern des Maschinenrings und des Gemeinderates verabreden.

Szenen wie in Indien im Dirndltal

Dieter Ehrengruber und ich verließen die Autobahn nach zweistündiger Fahrt in Richtung Wien und fuhren in ein malerisches Tal, umgeben von Wäldern und Almen. Auf der kleinen Landstraße lagen genüsslich wiederkäuend Rinder – wie in Indien, dachte ich. Ganz ganz langsam fuhren wir durch die große Rinderherde. Es gab keine Einzäunung, keine eklatant mageren Tiere. Auch waren die Tiere nicht unglücklich. Jedoch aus der Sicht unserer heutigen Betrachtungsweise eher verwahrlost.Es regnete, der Boden war aufgeweicht. Wir gingen in den Innenhof des Vierkantanwesens. Eine ca. 20-jährige Kuh kam uns entgegen. Leopold, der gerade einen Apfel aß, gab den Rest der Kuh, streichelte sie und erklärte: „Weibi kommt jede Nacht auf den Hof zurück.“

Ich betrachtete den Hof mit den Augen aller Aiderbichler. In einem nicht verputzten Nebenhaus lag eine gefleckte Kuh mit ca. fünf Kälbern im Stroh. Sie spielt die Rolle einer Amme und passte auf die Kälber auf, während die Mutterkühe auf Nahrungssuche mit den anderen unterwegs waren.

Wenn Gut Aiderbichl sich hier engagieren soll, dann muss ich den Rundgang mit den Augen von zigtausend Aiderbichlern machen. Ich wollte das Haus nicht von innen besichtigen. Dieter Ehrengruber hatte einen kurzen Blick hineingeworfen und mir deutlich gemacht, dass es so besser wäre.

Der Amtstierarzt, der Bürgermeister sowie der Leiter und die Mitglieder des Maschinenrings trafen uns anschließend in einer Gaststätte des nahe gelegenen Dorfes. Immer wieder ging mir die Situation von Leopold durch den Kopf.

Falls noch ein Wunder geschehen sollte und wir helfen könnten, müssten wir berücksichtigen, dass Leopold schließlich ein Mensch ist, wahrscheinlich mit Ecken und Kanten, so wie wir alle, dachte ich. Und dass wir unserer Philosophie entsprechend, allergrößten Wert drauf legen müssen, dass er das behalten kann, was ihn ausmacht – seine Würde.

„Was können wir denn jetzt noch tun?“, fragte einer der Anwesenden. Ich schlug ein kurz durchdachtes Konzept vor. Wir müssten zuerst zwei bis drei Hektar des Hofes einzäunen. Danach müssten wir die Rinder ordentlich auflisten, sie in der Folge entwurmen, impfen, die männlichen Tiere kastrieren, ihnen Salzlecksteine zur Verfügung stellen und reichlich Futter. Auch müssten wir Leopold entlasten und ihm einen täglichen Mitarbeiter zur Seite stellen. Das allerwichtigste jedoch schien mir, angesichts des angekündigten Besuches einer Beamtin vom Verwalterschaftsgericht, die Wohnräume von Leopold herrichten zu lassen. Das Herrliche bei allem war, dass ich nicht monologisierte, sondern aus den Vorschlägen eine Diskussion wurde, an der alle teilnahmen. Am Ende unserer Sitzung gaben wir uns die Hände und umarmten uns. Wie nach dem Rütlischwur hatten wir jetzt alle eines gemeinsam: Wir wollen Leopold und seine Rinder retten.

Wir sollten Glücksritter werden, denn in den darauf folgenden Wochen geschah ein Wunder nach dem anderen. Die Frau Bezirkshauptmann, die Amtstierärzte und allen voran die ganze Gemeinde und der Maschinenring setzten um, was wir geplant hatten. Ein modernes Märchen wurde wahr, und der ganze Hof wurde samt Leopold und seinen Rindern unter den Schutz der gemeinnützigen Stiftung von Gut Aiderbichl gestellt.

Michael Aufhauser