8. Juli 2022

Der Ehrentag der Kuh

Aus der Sicht einer Aiderbichlerin

Geschrieben von Gisela Pschenitschnig 

Unvergesslich bleibt für mich eine Führung in Henndorf, wo mich im Laufe der Führung ein kleines Mädchen an der Hand nahm. Sie hing an meinen Lippen, und wollte nicht verstehen, warum man „die schönen Kühe isst“. Nach einigen Jahren besuchte sie die Tiere von Gut Aiderbichl wieder und meinte: „Kennst du mich noch? Ich war mit meinen Großeltern in deiner Führung und du hast über die Kühe und Schweine erzählt. Ich habe damals beschlossen, nie wieder in meinem Leben Fleisch zu essen!“.  

Die Kuh ist klug und merkt sich die Stimmen ihrer Menschen

Die Natur „macht“ keine dummen Sachen – alles hat seinen Sinn. Kühe sind intelligente und äußerst soziale Tiere und werden außerdem in vielen Kulturen verehrt. Teilweise wird im Besitz einer Kuh die älteste Form von Reichtum vermutet. Reich werden sie auf jeden Fall, die milliardenschweren Industrien, deren Basis die Rinderhaltung ist. 

Lange ist die Zeit vorbei, als ein Bauer noch drei Kühe im Stall hatte. Mit deren Milch versorgte er seine Familie und alle zwei bis drei Jahre wurde eine Kuh am Hof geschlachtet. Heute wird eine „Turbomilchkuh“ höchstens 5 Jahre alt und dann ist es vorbei mit den Kälbern und somit mit der Milchleistung. Der letzte Weg führt zum Schlachthaus.  

Der Trennungsschmerz nach dem Kalben

Unmittelbar nach dem Kalben wird der Großteil der Kälber von der Mutter getrennt. Kälber ohne Mama zum Kuscheln und Säugen sind nervös, geben vermehrt Laute von sich oder strecken ihren Kopf suchend aus dem Stall. In großen Stallungen dauert die Bindung der Kuh mit ihrem Kälbchen höchstens ein paar Tage, dann werden die Tiere getrennt. Viele der Kälber kommen zur Aufzucht in den Iglu und nach ein paar Wochen zum Schlachter.  
Unsere Ruby kam mit Vierlingen nach Henndorf und lernte hier die vier Kälber erst so richtig kennen. Baba kam mit ihrem leicht beeinträchtigtem Kälbchen Lotte zu uns. Die zwei wunderbaren Kuhfamilien beweisen uns, für wieviel Liebe und guten Umgang miteinander Kühe imstande sind.  

Ferdinand mit den fünf Beinen und sein Freund Gustl

Der kleine Ferdinand, den wir mit fünf Beinen aufnahmen und sein bester Freund Gustl sind nun seit ungefähr drei Monaten auf Gut Aiderbichl Henndorf zu Hause. Das fünfte Bein an Ferdinands Halswirbelsäule wurde operativ entfernt. Bei ihm und seinem Freund Gustl wachsen die Hörner, die bald drei bis vier Zentimeter erreicht haben. Natürlich werden wir sie nicht wegbrennen lassen, weil wir gelernt haben, wie wichtig die Hörner für die Rinder sind: für die Orientierung, für die Wärmeregulierung im Körper, zum Kämpfen und auch für die Gasverdauung im Körper des Rindes.  

Es geht nicht um sentimentale Kuscheltiermentalität

Wie oft wollte ich schon einen „Lebendtier Transporter“ überholen, anhalten und alle Kälber frei lassen. Egal ob Kalb, Kuh oder Stier – Rinder sind hochsensibel und intelligent und brüllen und wehren sich, wenn sie dem Schlachthof näherkommen, weil sie riechen, was jetzt kommt. Der Konsument soll umdenken und Rinder nicht als Massenware ausbeuten und „verbraten“.  

Ich freue mich auf eine nächste Führung mit Ihnen zu unseren Kälbern Ferdinand und Gust.

Herzlichst,

Ihre Gisela 

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